| Arbeiten mit Licht Moderato cantabile Intérieurs Zugfahrt L'eclisse Fünfhaus | ||||||||
Teilnehmerinnen Siegrun Appelt Text
Bilder |
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Siegrun Appelt Arbeitstext
Im Laufe des Lesens gibt es in meiner Vorstellung zwei Cafés. Zuerst,
wenn der Mord passiert, sehe ich ein modernes Café im Stil der 80er
Jahre, mehr ein Abendlokal zum Essen und Trinken. Später wandelt es sich
in ein eher unscheinbares Lokal aus den 50er-Jahren, in eine Mischung aus
Kaffeehaus und Kneipe. Im ersten Café wird im Hintergrund eine Bar
aus dunklem Holz sichtbar, ansonsten ist es leer, und es gibt weder Tische
noch Stühle. Auf der Seite zum Meer hin und nach vorne zur Straße
hin hat das Lokal eine Glasfassade, die durch schmale Holzbalken unterteilt
ist. Einige dieser rahmenlosen Glaselemente stehen offen, und auch die Tür,
die sich optisch von den Glaselementen nicht unterscheidet, steht offen.
Zuerst gibt es den Blick vom Musikzimmer hinunter zum Café. Ich sehe
den Platz vor dem Café und Leute, die herumstehen, vorerst noch im
Tageslicht. Nachher, ich glaube, schon wenn Anne und ihr Sohn aus der Tür
des Musikzimmerhauses kommen, ist es dunkel geworden. Nur im Café ist
Licht, dadurch wirkt es hell erleuchtet. Auch der Dielenboden, ein dominantes
Element in diesem Lokal, hat etwas Leuchtendes.
Wenn Anne über den Platz zum Café geht, folgt mein Blick ihrer
Bewegung und nähert sich ebenfalls dem Café, bis sie schließlich
davorsteht und nachsieht, was los ist. In meiner Vorstellung geht sie in dieser
ersten Szene noch nicht in das Lokal hinein. Es gibt nur den Blick von außen
nach innen durch die geöffneten Glaselemente. Im vorderen Bereich des
Cafés liegt die tote Frau am Boden, einige Leute stehen herum. Im Hintergrund
ist die Bar, weiter hinten verliert sich alles im Nichts, im Dunkel.
Am nächsten Tag, wenn Anne wiederkommt, um ihre Nachforschungen anzustellen, ist es bereits ein anderes Café. Es steht am selben Ort und hat einen ähnlichen Grundriss. Die beiden vorderen Raumecken dieses Cafés, rechts und links vom Eingang, sind abgerundet. Das sehe ich aber nur, wenn ich von außen komme, also, wenn Anne, vom Boulevard de la Mer kommend, zum Café geht, dann sind die Ecken leicht rund.
Das zweite Lokal hat einen grauen Linoleumboden, beigefarbene Wände mit gemalten grünen Streifen um die Fenster herum. Es gibt hier zwar keine durchgehende Glasfront mehr, dafür aber Fensterreihen mit schmalen, hohen Fenstern, die regelmäßig und in kurzen Abständen angeordnet sind. Durch die geschlossene Glastüre, die aus zwei übereinander liegenden Glaselementen besteht, sieht man die Männer, die Arbeiter kommen, im Hintergrund sind schattenhaft die Fabriken sichtbar. Draußen ist es sehr hell, als ob es neblig wäre, und über dem Nebel die Sonne, die durchscheint und fast blendet. So ein diffuses, blendendes, weißes Licht ist das.
Anne und Chauvin treffen einander zuerst an der Bar. Chauvin steht links von ihr, an der Ecke der Bar, eigentlich schon um die Ecke, Anne steht davor und die Wirtin, die irgendwie am Gespräch beteiligt ist, hinter der Bar, auf der ein schwarzes Radio steht. Beim nächsten Mal sitzen sie dann am Tisch gleich links neben der Bar. Es ist der einzige längliche Tisch im Lokal mit zwei Bänken, überall sonst sind Stühle und quadratische Tische, alle aus unbehandeltem Holz, einem hellen grauen Holz. Chauvin sitzt immer an derselben Stelle mit Blick zur Tür. Sie sitzt ihm anfangs gegenüber, mit dem Rücken zur Tür, später dann neben ihm.
Anne hat lange schwarze Haare, ist schlank, zierlich und sehr blass. Sie trägt elegante Kleidung in dunklen Blautönen und Weiß. Monsieur Chauvin, ein eher großer Mann, hat brünette, leicht rötliche Haare. Er ist ein heller Typ mit ein paar Sommersprossen und einem beige-grauen T-Shirt oder Hemd. Wenn die Wirtin den Wein einschenkt, ist es wie in einem close-up der Bewegung: Sie steht am Tisch, und ich sehe die Karaffe in ihrer Hand, mit der sie die Gläser füllt.
Immer, wenn über den Mord gesprochen wird, taucht das erste Café wieder kurz auf. Ich stehe dann als Betrachterin im Lokal, vor der toten Frau, die da ganz alleine liegt, es sind kaum noch Leute da. Dieser Blick, der in meiner Erinnerung/Vorstellung immer wieder auftaucht, ist nun von innen her auf die Glasfront, die Tür gerichtet, vor der die Tote liegt. Hinter mir ist die Bar, rechts von mir unterhalten sich zwei Männer. Die Tür und die Glaselemente sind geschlossen. Das Lokal liegt nicht mehr ebenerdig, sondern man geht zwei, drei Stufen hinunter.
Das Klavierzimmer befindet sich im vierten oder fünften Stock in einem
der zurückversetzten Nebenhäuser. Es gibt fast keine Möbel
in diesem Raum, nur das Klavier und den einfachen Holzstuhl, auf dem die Mutter
sitzt. Die Mutter sitzt im Hintergrund beim Fenster, der Junge am Flügel.
Er kann zum Fenster hinaussehen, aber das ist nicht dasselbe Fenster, an dem
die Mutter sitzt. Er sieht nur Himmel, keinen blauen Himmel und auch keine
Wolken, einfach einen hellen Himmel. Das Zimmer hat einen Holzparkettboden,
weiße Wände und eine Tür, die ins Nebenzimmer führt.
Es könnte sogar ein Durchgangszimmer sein, es ist aber trotzdem ein großes
Zimmer. Die Musiklehrerin ist immer in Bewegung, sie steht manchmal beim Klavier
neben dem Jungen oder hinter ihm in der Nähe der Wand gegenüber
den Fenstern. Sie wendet sich oft zur Mutter und richtet ihre Worte mehr an
die Mutter als an das Kind.



– Vorstellungen von Kneipen, die ich kenne,
mischen sich mit Vorstellungen, die aus der Beschreibung im Buch entstehen.
– Ich glaube, die Leiche lag vor dem Café.
– Der Kleine sitzt am Klavier, sollte die Sonatine spielen, schaut
aber zum Fenster hinaus und sieht die Wolken.

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Beat Furrer Arbeitsgespräch
Diese Kneipe stelle ich mir als einen düsteren Raum vor, mit einer Theke im Hintergrund und einer Wirtin, einen roten Pullover strickend. Das finde ich wunderbar, wie alle diese Dinge zwar Symbole sind, z.B. dieser rote Pullover, aber Zugleich eine unheimliche Leuchtkraft kriegen. Der rote Pullover zählt nicht nur als Symbol, sondern auch als Gegenstand, der mit allen anderen Dingen in Beziehung gebracht wird. Ich stelle mir dazu die Schleppkähne im Hafen vor, die Kräne und Schlote der Gießerei. Das alles gehört zur Welt des Chauvin.
Das Café stelle ich mir klein vor. Ich weiß nicht, ob das den beschriebenen Tatsachen entspricht, aber ich stelle es mir als die übliche Hafenkneipe vor: ein paar Tische, Stühle usw. – da stimmen die Proportionen nicht, meine Fähigkeiten, das alles zeichnerisch darzustellen, halten sich in Grenzen. Hier treffen sich Chauvin und Anne. Vielleicht gibt es eine Tür in einen hinteren Raum. Und da geht es raus auf den Kai. Was meine Vorstellungen von dieser Kneipe betrifft, bleibt vieles im Halbdunkel. Vorstellungen von Kneipen, die ich kenne, mischen sich mit Vorstellungen, die aus der Beschreibung im Buch entstehen.
Türe, Schankbereich, Tische... – die Wirtin steht an der Bar. Der Boden ist aus Linoleum oder ein schon abgetretener, dunkler, aufgebrauchter Eichenparkettboden. Die Tür steht offen, man sieht aufs Meer hinaus. Die Männer kommen aus den Fabriken, Chauvin kehrt ihnen den Rücken zu. Ich glaube, die Leiche lag vor dem Café. Anne forscht den Ereignissen nach, und allmählich setzt sich dann diese Geschichte von der Frau zusammen, die darum bittet erschossen zu werden. Diese ganze Geschichte scheint sich zu wiederholen, aber das heißt natürlich nicht, dass Chauvin Anne deshalb umbringen muss. Zwar sagt er einmal „ich wünsche, du wärst tot“, aber das ist auch schon das Einzige.
Diesen Chauvin kann ich äußerlich nicht beschreiben. Er ist weniger ein schöner Mann als ein Ort des Begehrens. In meiner Vorstellung ist sein Gesicht niemals mir zugewandt, das hat natürlich mit Duras zu tun, mit ihrer Art, ihn zu beschreiben. Duras lässt in ihrer Sprache die Dinge offen, Freiräume für Vermutungen. Manche Dinge bleiben einfach schwarze Löcher. So ist auch dieser Mann, Chauvin, für mich nur ein Schatten, der nie ein Körper wird, sondern immer nur das Auge bleibt.
Auch dieses Kind wendet sich mir nie zu. Ich sehe es eher als eine Kraft, die an Anne zieht. Es ist ein Teil von ihr. Für Anne geht eine ungebändigte, animalische, erotische Kraft von ihm aus. In meiner Vorstellung ist im Tun dieses Kindes etwas, das immer weiter will. Es zieht Anne fort. Kant schreibt einmal, dass in Kindern sehr viel mehr Tier innewohnt, als man annehmen würde – das ist es: diese gefährliche, noch ungebündelte Kraft. Insofern scheinen Chauvin und das Kind aus derselben Sphäre entstanden zu sein.
Wunderbar ist, dass die Figuren um Anne nie wirklich ein Gesicht bekommen, keinerlei Individualität entwickeln. Sie bleiben Schatten aus einem anderen Reich. Im Fokus dieser Kamera ist nur Anne. Das Kind, von dem sie einmal sagt „Ich glaube, ich habe es erfunden“, führt sie mit scheinbarer Leichtigkeit über alle Abgründe. Es spielt am Kai, während Anne in der Kneipe säuft, dann zieht es sie am Rockzipfel und sagt: „So, jetzt möchte ich nach Hause gehen“. Es ist ein sehr dünnes Eis zwischen diesen Welten der Anne, dieser dunklen Welt der Triebhaftigkeit und der scheinbar abgesicherten bürgerlichen Welt.
Das Café und das Haus der Klavierlehrerin sind in unmittelbarer Nähe. Die Wirtin hört das Klavierspiel des Kindes. Der Kleine sitzt am Klavier, sollte die Sonatine spielen, schaut aber zum Fenster hinaus und sieht die Wolken. Einmal ist der Sonnenuntergang beschrieben, das Klavier müsste also hier gestanden sein. Es ist allerlei Unrat da, wie eben eine Kleinstadtklavierlehrerin ihr Leben fristet; ein bisschen frustriert in ihrer kleinen, angeräumten Wohnung. Es hätte ja für sie alles viel besser kommen können. Sie hat jedenfalls sehr strenge Maßstäbe und macht sich keinerlei Gedanken darüber, warum dieser Kleine jetzt nicht üben will. Auch die Klavierlehrerin bleibt schemenhaft, das Klischee einer Klavierlehrerin.
Ob ich glaube, dass es zwei Fenster gibt? Es ist ein bisschen düster. Deshalb komme ich von den zwei Fenstern wieder ab. Also lassen wir hier nur ein Fenster sein. Ich stelle es mir so vor: Hier das Klavier, der Kleine, daneben die Lehrerin, die unruhig mit dem Bleistift spielt. Ein Bücherregal, sehr vollgeräumt, mit irgendwelchen Trophäen und Büchern, wahrscheinlich Sammelbände, gesammelter Shakespeare usw. Im Hintergrund gibt es ein Sofa, auf dem Anne sitzt und zuhört. Sie muss eine hübsche junge Frau sein, mit dunklen, halblangen Haaren, sehr begehrenswert. Ihre Haut ist ja auch immer wieder präsent, zum Duft der Magnolien kommen ihre fast entblößten Brüste. Es muss auf alle Fälle noch sehr viel Leben in ihr sein, nichts Abgeklärtes.
>link: mica


– Ich stehe als Betrachterin in der Tür
des Klavierzimmers, mittig gegenüber dem Fenster, und beobachte die Szene.
– Im ersten Café sind die Tische rund, es gibt kein Tischtuch,
die Platte ist aus gelblich beigem Metall.
– Im zweiten Café geht die Bar uns Eck. Anne behält den
Blick nach draußen, Chauvin sitzt mit dem Rücken zur Tür.

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Amelie Haas Arbeitsgespräch,
Das Kind am Klavier. Die Mutter sitzt hinter ihm, neben ihm ist die Klavierlehrerin. Das Zimmer ist schattig, relativ dunkel, vielleicht sind da auch Vorhänge. Es hat etwas von einem altmodischen, eher stickigen Zimmer, aus dem man durch das Fenster ins Helle blickt. Draußen ist für mich alles blau, türkis, meeresfarben, und man sieht ein Boot vorbeifahren.
Ich stehe als Betrachterin in der Tür, mittig gegenüber dem Fenster, und beobachte die Szene. Es ist wie in einem Zoom, das auf das Klavier gerichtet ist. Ich sehe die Hände des Kindes und den Bleistift der Klavierlehrerin, mit dem sie auf die Tasten klopft. Dann weitet sich mein Blick aus und ich beobachte die ganze Szene, das quadratische Zimmer, dieses merkwürdige große Fenster. Bei alldem bleibe ich ruhig stehen und relativ nahe dran. Den Rest des Raumes habe ich nur gefühlsmäßig, aber ich nehme ihn nicht wirklich wahr. Einen ganz wichtigen Teil nimmt dieses Fenster ein. Sonst besteht die Einrichtung aus einem Teppichboden. Alles ist in sehr dumpfen, dunklen Farben gehalten. Es riecht auch nicht gut, alles hat etwas Dumpfiges. Dadurch wird diese Sehnsucht, die durch dieses Cinemascope-Fenster hereinkommt – der Himmel, das Meer, die vorbeifahrenden Boote – noch stärker. Das Zimmer hat etwas Beengendes, es ist kein Raum, in dem ich mich wohl fühlen würde. Und dann gibt es plötzlich diese Geräusche, die durchs Fenster hereinkommen, wobei man nichts sehen kann. In meinem Blick auf das Fenster verändert sich nichts, im Raum bleibt alles ruhig. Einzig das Kind reagiert auf den Schrei; es ist aber gehorsam genug, um einfach weiterzuspielen.
An der Straße gibt es eine Ecke und da ist das erste Café, in dem für mich der Mord geschieht. Genau gegenüber ist das Klavierzimmer, aber eben im vierten Stock. Man könnte zum Café hinuntersehen, wenn man zum Fenster ginge, aber das tun sie nicht. Das zweite Café befindet sich direkt am Meer. Es ist auch an einer Ecke, mit großen Fenstern auf die Promenade. Anne und das Kind kommen aus der einen Richtung, aus der anderen kommen die Arbeiter.
Erstes Café: Vor der Bar liegen die Tote und der Mörder. Da ist
die Wirtin und Leute, die durch die großen Glasfenster hineinschauen.
Alles ist ein bisschen altmodisch, ich würde sagen 50er oder 60er Jahre.
Es gibt eine Art Linoleumboden; ich sehe dieses Café in dunklem Rot
und Linoleumgrün. Wie der Raum genau mit Tischen versehen ist? Da bin
ich mir unsicher, wie ich gerade merke. Also, ich sehe in der Diagonale die
Tote und ihren Mörder da liegen. Zuerst gehe ich quasi mit Anne mit,
die durch die Menge geht, dann habe ich als Zuschauerin das Glück, noch
näher an die eigentliche Handlung heranzukommen. Das nimmt mich so gefangen,
dass ich nicht mehr auf den Restraum achte. Er liegt im Halbschatten, es ist
also nicht sehr hell, wie überhaupt alle Innenräume eher dunkel
sind.
Im zweiten Café geht die Bar leicht schräg ums Eck. Am Anfang
steht Chauvin an der Bar und liest seine Zeitung, dann stellt sich Anne dazu,
während das Kind aus und ein läuft. Später wählen sie
sich einen Tisch aus. Anne behält den Blick nach draußen und Chauvin
sitzt mit dem Rücken zur Tür. Hier ist es heller als im ersten Café,
wobei ‚hell’ vielleicht übertrieben ist, aber es ist immer
noch ein ganz starker Unterschied zwischen innen und außen. Es ist der
am stärksten von Licht durchflutete Raum in dieser Geschichte.
Die Tische sind rund und aus Metall. Es gibt kein Tischtuch, die Platte ist aus gelblich beigem Metall. Die Stühle haben dunkelrote Kunststoffpolster. Von der Bar weiß ich nur, dass sie ums Eck geht, und dass die Wirtin irgendwo an der Kasse hantiert, Gläser abtrocknet oder ihr rotes Strickzeug betätigt. Sie hat nicht wirklich freie Sicht auf Chauvin und Anne, die da sitzen, und es interessiert sie auch nicht. Es läuft Radiomusik, das ist sehr wichtig für mich. Und es gibt eine Uhr. Die Zeit, bzw. die zeitliche Begrenzung dieser Situation ist ja immer ganz wichtig. Nicht nur durch die Sirene aus der Fabrik, sondern auch durch die Ankündigung dieser Sirene, z. B. „jetzt sind es noch zehn Minuten, dann kommen die Arbeiter“. Die Arbeiter sind eher schattenhaft, sie vermitteln nur das Gefühl, dass der Raum voll wird. Sie verändern die Raumwahrnehmung, aber ich weiß nicht, wie sie aussehen, was sie anhaben oder wie viele es sind. Chauvin ist kleiner als Anne. Er ist ein dunkler Typ, dunkles Haar, Südfranzose. Er ist von der ersten Wahrnehmung her wahrscheinlich kein auffallend schöner Mensch. Sie ist groß und schlank mit blonden, eher längeren Haaren. Sie hat etwas Feines – feingliedrig, schlank, groß, aufrecht.
>link: opernhaus zürich



– Beim Lesen ist die Frau nur schattenhaft da,
es bildet sich nicht wirklich ein Gesicht ab.
– Ich ziehe jetzt eine Diagonale, das obere Dreieck ist der Aktionsraum,
die andere Hälfte bleibt vage.
– Es ist die Welt der gestickten Zierdecken, der schönen Wandbilder,
die immer hundertprozentig gerade hängen.

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Bernhard Kellner Arbeitsgespräch
Ich fange an mit dem Hafenplatz: Meer/Festland, eine ‚Saumsituation’, so könnte man das Blatt horizontal teilen. Vertikal könnten wir es teilen in Arbeitswelt, Hafenanlage, Fabrik etc. auf der einen Seite und Villenviertel, ‚bessere Welt’ auf der anderen. Auf der Hafenseite gibt es einen großen Platz mit Stegen, die ins Meer hinausführen. Es wird beladen und entladen, hier liegen alte Kähne, Fischerboote usw. Gegenüber liegt eine Häuserzeile – hier mischen sich Klischees herein – mit schönen Fassaden, rechteckigen Fenstern, Loggien und Holzbalken.
In einem dieser Häuser ist das Café, ebenerdig oder im Souterrain.
Im zweiten Stock des Nebenhauses befindet sich das Klavierzimmer. Das ist
der Ort, an den die Heldin Anne ihr Kind zur Klavierstunde bringt. Während
der Klavierstunde sind die Fenster geöffnet, Lärm dringt herein,
Polizeisirenen, Aktion... – man fragt sich, was los ist, sieht eine
tote Frau, erfährt, dass sie erschossen wurde. Und – der Skandal
– man erzählt sich, die Frau sei auf eigenen Wunsch hin erschossen
worden.
Der Mord hat sich im Café abgespielt. Zunächst ist da ein rechteckiger
Raum. Die Tür steht offen und gibt den Blick auf das Hafenleben frei.
Im Raum ist eine Bar, eine Theke. Ich stelle mir vor, dass sie weit in den
Raum hineinreicht. Links vom Eingang könnte eine Telefonzelle sein, ein
alter Münzapparat, daran schließt das Reich der Wirtin an, der
Chefin dieses Cafés. Sie ist die stumme Beobachterin der Vorgänge.
Sie kennt Anne vom Sehen und Vorbeigehen, Chauvin ist ihr Stammgast, der jeden
Tag auf demselben Platz sitzt. Sie ist eine ältere Person mit einer gewissen
Grundverbitterung. Sie macht sich keinerlei Illusionen. Hinter der Bar hat
sie ihr Strickzeug. Damit werkt sie herum und verliert dabei nie aus den Augen,
was im Lokal passiert.
Den Kaffeehausraum stelle ich mir zweigeteilt vor, ich weiß aber nicht,
wie diese Zweiteilung funktioniert. Vielleicht gibt es eine Säule in
der Mitte, andererseits stört mich diese Säule. Hier stehen jedenfalls
Tische, die sich am Abend mit Arbeitern aus der nahe gelegenen Werft füllen.
Dieser eine Tisch ist ein besonderer, da sitzt Chauvin. Wenn ich mich recht
erinnere, hat er als Eisenbieger in der Fabrik gearbeitet. Er ist eine Gestalt
um die 50 mit einem markanten Gesicht, ein großer Schweiger. Auch er
kennt Anne vom Vorbeigehen. Eine Frau aus dem besseren Milieu fällt hier
auf.
Ich ziehe jetzt eine Diagonale durch den rechteckigen Grundriss. Das obere
Dreieck ist der Aktionsraum, die andere Hälfte bleibt vage. Hier vor
der Theke lag die Ermordete, neben oder über ihr der Mörder, der
das alles nicht gepackt hat und darüber verrückt wurde. Hier spielen
sich auch die Interaktionen zwischen der Wirtin und Chauvin ab, die irgendwie
Verbündete sind, auch wenn nie klar wird, worin ihr Bündnis liegt.
Dieser Raum wird mehr und mehr zum Schicksal der Anne, die sich von ihm magisch
angezogen fühlt.
Beim ersten Lesen ist diese Frau nur schattenhaft da. Fix ist, dass sie blond und hellhäutig ist, aber es bildet sich nicht wirklich ein Gesicht ab. Statur und Mimik ergeben sich aus der Aktion und aus Sätzen wie „Sie senkt ihren Blick“ oder „Sie reagiert verlegen“. Zuerst traut sie sich nur an die Bar. Sie will etwas erfahren: Was ist passiert? Sie bleibt irgendwie auf dem Geschehnis hängen und will immer genauer wissen, was da los war. So kommt sie mit der Wirtin und Chauvin ins Gespräch. Mit ihm spinnt sie dann die Geschichte weiter.
Im Raum gibt es verschiedene Lichtstimmungen. Ich sehe vor allem warmes Abendlicht. Es ist kein aufgeräumter Raum, Flaschen, Kisten, Gläser usw. stehen herum. Wenn man gegen das Licht schaut, wird der Staub in der Luft strahlenförmig sichtbar. Es herrscht eine ruhige Stimmung, der hintere Teil des Raumes, wo Anne und Chauvin sitzen, liegt im Halbdunkel.
Der Raum vor dem Café wird mehr und mehr zum Spielplatz des Sohnes,
der sofort kapiert, dass mit seiner Mutter etwas los ist. Schon als sie zum
ersten Mal den gleichen Weg einschlagen, nicht um zur Klavierstunde, sondern
ins Café zu gehen, weiß er, dass sie jetzt öfter hierher
kommen werden. Und das wird dann tatsächlich zum Entfaltungsraum für
das unbeaufsichtigte Kind. Hier kann er die Melodien, die er bei der Klavierstunde
nicht spielen kann, perfekt pfeifen, hier schließt er kleine Freundschaften
und zwischendurch schaut er nach, was im Café so los ist. Für
ihn öffnet sich da eine abenteuerliche, weil unkontrollierte Welt.
Das Klavierzimmer ist der Kontrapunkt zum Café und seiner Umgebung.
Ein aufgeräumter Raum mit zwei Fenstern zum Hafen. Wieder haben wir eine
diagonale Raumtrennung, der obere Teil ist der Aktionsraum. Es ist die Welt
der gestickten Zierdecken, der schönen Wandbilder, die immer hundertprozentig
gerade hängen. Vor dem Flügel steht die gestrenge Lehrerin, auf
dem Sofa sitzt die liebende Mutter. Es gibt verschiedene Interaktionslinien;
einerseits dieses ambivalente Verhältnis zwischen Mutter und Sohn –
irgendwie findet sie seine Bockigkeit ja toll –, andererseits läuft
da der eher verzweifelte Erziehungsdiskurs zwischen Mutter und Lehrerin.![]()
>link: Troisville



– Ich habe dieses Musikzimmer sehr stark als
einen Tonraum erlebt, die Töne des Klaviers durchmischen sich mit Schiffstönen.
– Wenn die Frau den Mann einmal anschaut, spiegelt sich die untergehende
Sonne auf seinem Gesicht.
– Das Hafencafé stelle ich mir als einen schlichten, einfachen
Bau vor, eher wie eine Baracke aus Holz.

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Christiane Meyer-Stoll Arbeitsgespräch
Wenn ich versuche, mir dieses Musikzimmer vorzustellen, gibt es nur zwei Ecken. Ich habe das Gefühl, dass es aus einer Polarität heraus entsteht. Es ist kein geschlossener Raum, auch wenn es ein enger Raum ist. Es gibt nur diese eine Ecke, wo die Musiklehrerin und das Kind sich aufhalten. Da ist das Klavier, kein Flügel, das ein bisschen an die Wand gedrückt ist, genau wie das Kind von der Lehrerin an die Wand gedrückt wird. Die Lehrerin braucht viel Raum, sie erdrückt und erstickt fast alles. In der anderen Ecke sitzt die Mutter. Sie ist zwar in dieser Achse mit der Lehrerin und dem Kind, es besteht aber keine wirkliche Verbindung.
Wenn man in das Klavierzimmer tritt, erscheinen die Fenster groß. Sie könnten viel Licht hereinlassen, aber es gibt viel Vorhang, schwere, dunkle Samtvorhänge. Sehr wichtig ist dieses von oben nach unten Schauen. Aber eigentlich gibt es diesen direkten Blick hinaus in meiner Vorstellung nicht, es ist eine Strecke mit einer Tonverbindung. Ich habe dieses Musikzimmer sehr stark als einen Tonraum erlebt, wo sich die Töne des Klaviers mit Schiffstönen durchmischen. Die Geräusche des Hafens spielen herein, man hört das Klirren der Gläser. Wenn man aus dem Fenster schauen würde, könnte man das alles sehen. Diese dicke Klavierlehrerin verstellt aber den Blick, der Kontakt nach außen funktioniert nur über das Hören.
Vom Haus mit dem Musikzimmer gibt es schräg hinüber einen Blickbezug
zum Haus mit dem Café. Es ist eine Hafenkneipe, in die Arbeiter aus
der Gegend auf einen Kaffee gehen. Dort fällt dem Paar die untergehende
Sonne ins Gesicht. Die Sonne finde ich insgesamt sehr wichtig. Dieses Spiel
der Sonne, ihr Vergehen, wenn der Tag zu Ende geht – das ist für
mich eine ganz wichtige Metapher, die im Roman immer wieder auftaucht.
Das Hafencafé stelle ich mir als einen schlichten, einfachen Bau vor,
eher wie eine Baracke aus Holz. Man geht zwei Stufen hinunter. Direkt gegenüber
vom Eingang ist eine hohe Theke, dahinter befindet sich der niedrigere Bereich,
in dem die Wirtin arbeitet. Sie hat einen hohen geflochtenen Stuhl, auf dessen
Sprossen sie ihre Füße aufstützen kann. Dort strickt sie und
von diesem Platz aus kann sie nach draußen blicken und behält Zugleich
den Überblick über das Lokal.
Komischerweise ist für mich wichtig, dass es im Café immer weiter in die Tiefe hinabgeht. Man geht durch die Schenke und dann noch einmal ein Stück tiefer, wie in die Unterwelt hinein. Alles ist verraucht, aber weil es warm ist, sind Türen und Fenster offen und es ist auch wieder sehr luftig. Es gibt einfache Tische, um die immer vier Stühle angeordnet sind. Ein paar davon reichen in den hinteren Teil des Raumes, wo Anne und Chauvin sich öfters hinsetzen. Irgendwie müsste sich der Raum zur Ecke hin noch weiter verengen, wie wenn da noch einmal eine Stufe wäre und es noch einmal ein Stück hinunterginge.
Ich stelle mir vor, dass Anne und Chauvin an einem Ecktisch sitzen, von dem aus sie den Blick nach draußen haben. Die Männer, die hereinkommen, schauen die beiden ja sofort an, also muss es ein relativ gut überschaubarer Raum sein. Es ist nicht wirklich ein sauberer Ort, aber die Wirtin achtet darauf, dass er gepflegt ist. Sehr wichtig ist der Lichteinfall, denn wenn die Frau den Mann einmal anschaut, spiegelt sich die untergehende Sonne auf seinem Gesicht. Es ist relativ viel Licht im Raum, wobei es in den vorderen Reihen lichter ist. Das Licht verändert sich. Es gibt dieses rötliche Sonnenuntergangslicht, wo alle Konturen stärker, perspektivischer werden, das Licht die Dinge verzaubert und erwärmt, golden macht – das passiert hier ganz stark. Es ist eine Abendsituation. Später kommt unangenehmes Neonlicht, durch das man fast ausgeblendet wird. Das Licht ist über der Bar und verliert sich in den Raum hinein.
Der Mord ist im vorderen Bereich des Cafés präsent. Ich sehe
die Tote aus dem Blick des Täters. Ich habe ein Bild im Kopf, wie dieser
Mann sich an sie schlingt. Sie ist tot, wird kalt, und es ist, als wollte
er die letzte Wärme ihres Körpers in sich hineinziehen. Da läuft
so ein inneres Drama ab zwischen den beiden, eine ungeheure Verstricktheit
zwischen Täter und Opfer, sodass während dieser Zeit nicht viel
Umfeld zu sehen ist. Es ist nur erstaunlich, dass dies alles an einem öffentlichen
Platz geschieht.
Es ist ein ganz regelmäßiger Tagesablauf in diesem Café.
Die Wirtin sitzt da. beobachtet sehr genau und hat den Blick immer wieder
auf dieses ungleiche Paar gerichtet. Sie ist nicht glücklich darüber,
wahrscheinlich widerspricht es ihren moralischen Gesetzen. Sie ist so etwas
wie eine Glucke. Es gibt überall Aufpasser, dort die Lehrerin, hier die
Wirtin, überall herrscht sozialer Druck. Dieser Mann, Chauvin, hat für
mich kein Gesicht und auch Anne hat keines, zumindest habe ich keine konkrete
Vorstellung davon. Der Mann ist ziemlich offen und hat keine Angst vor der
Konfrontation mit der Wirtin, wohingegen Anne dieser Konfrontation nicht wirklich
standhalten kann.
>link: kunstmuseum liechtenstein


– Vom Westen her kommt goldenes, warmes Abendlicht
durch das viele Glas. Die Sonne sinkt tiefer, das Licht wird roter.
– Das ist der Ort, wo sich Chauvin und Anne einander nähern, auch
die tote Frau lag in diesem Bereich.
– Der Junge sieht seine Mutter im Gegenlicht. Wenn er sich nach ihr
umdreht, sieht er durchs Fenster die Schiffe.

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Andreas Patton Arbeitsgespräch
Hier ist die fensterlose Außenmauer des Hauses, die Feuermauer. Nebendran
ist gar nichts, da ist es leer. Innen, im Flur neben dieser Brandmauer, müsste
eine Tür zu den hinteren Räumen des Cafés sein, weiter hinten
ist eine Treppe. Die Front des Hafencafés ist aus Glas, vom Boden bis
zur Decke, und auch die Tür ist aus Glas. Es gibt eine Messingstange,
auf der ein schwerer Vorhang hängt, damit der Wind nicht hineinkommt.
Die Tür steht offen, ich stelle es mir ziemlich warm vor. Gegenüber
der Tür ist die Theke, dahinter eine Wand und ein Durchgang.
Chauvin steht am äußeren Eck dieser Theke, das ist der Ort, wo
sich Chauvin und Anne einander nähern. Auch die tote Frau lag in diesem
Bereich. Anne steht am Anfang weiter weg, dann kommen sie einander näher.
Das hängt auch damit zusammen, dass die beiden näher zusammenrücken
müssen, weil die Arbeiter kommen. Ich empfinde das als sehr eng in meiner
Vorstellung. Es wird immer lauter, die Arbeiter wollen ja alle etwas trinken
und stellen sich auch an die Theke.
Es gibt ein Licht über der Theke, ein Thekenschild. Die Wirtin schaltet es an, zuerst dieses Licht, dann erst die anderen Lampen im Café. Und wichtig ist auch die Tatsache, dass immer goldenes, warmes Abendlicht vom Westen her durch das viele Glas hereinkommt. Wenn die Sonne tiefer sinkt, wird das Licht immer roter.
Das Klavierzimmer liegt genau darüber. Vom Gefühl her liegt es genau über dem Kaffeehausraum. Für mich ist die ermordete Frau komischerweise direkt unter dem Klavier gestorben. Die eine Außenwand des Klavierzimmers ist aber auch wieder diese Brandmauer des Hauses. Da spießt sich etwas in meiner Vorstellung.
Das Haus hat drei oder vier Stockwerke. Wie groß es nach hinten hin ist, weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass es da noch eine Küche gibt oder irgendwas, aber wie groß das ist oder ob es vielleicht noch ein Hinterhaus gibt, das weiß ich nicht. Unten, neben der Brandmauer ist der Hauseingang, daneben die Glasfront des Cafés, unterteilt in mehrere Segmente, aber die sind schon sehr groß. Hier, im unteren Bereich dieser Segmente stelle ich mir Messingstangen mit Vorhängen dran vor, eierschalenfarbenen. Darüber sind quadratische Fenster, vielleicht fünf je Stockwerk, alle gleich, ganz schmucklos. Und hier links oben sind die beiden Fenster des Musikzimmers, aber da spießt sich eben etwas.
Ich stelle mir das so vor, dass es vor dem Haus einen Gehsteig gibt, eine
Grünfläche mit vereinzelten Bäumen, dahinter kommt die Straße,
dann das Wasser. Und hier geht es so ein bisschen runter, zwei oder drei Stufen.
Das ist auch, wo der Junge immer spielt. Dann hält er sich für mich
auf diesem Rasen auf und springt da runter über die Straße, über
das Kopfsteinplaster.
Die Arbeiter kommen entweder mit dem Boot herübergefahren oder die Straße
entlang und gehen ins Café. Das sind Fabriksarbeiter, so richtige Malocher.
Ich stelle mir vor, dass sie viel mit schwerem Metall zu tun haben. Sie tragen
Schiebermützen, reden laut, trinken ihren Feierabendwein und rauchen
Zigaretten.
Wichtig ist, dass das Licht im Klavierzimmer aus westlicher Richtung kommt. Der Junge sieht seine Mutter also im Gegenlicht. Wenn er sich nach seiner Mutter umdreht, kann er durchs Fenster die Schiffe sehen. Das Kind stelle ich mir dunkelhaarig vor. Für mich liegt sehr viel in seiner Verweigerungshaltung der Klavierlehrerin gegenüber. Das sagt für mich das Allermeiste über das Kind, wie es seine Weltentdeckung bringt. Es ist nie laut, kein Rowdy, kein Kind, das alle zwei Stunden eine Fensterscheibe zerschlägt.
Anne hat eher hellere Haare, nicht strohblond, aber auf jeden Fall blond. Sie hat glattes Haar, ich weiß nicht, ob sie es aufsteckt, aber sie trägt es nicht lang. Ich habe so ein Klischee im Kopf, das ist Hedda Gabler von Ibsen. Das ist eine gutbürgerliche junge Frau, die sich fürchterlich langweilt in ihrem Leben und daran zugrunde geht. Für mich gibt es da Parallelen. Der Mann, der ihr da begegnet, hat etwas, das sie noch nicht kennt und sie fasziniert. Beide wissen, dass es sehr gefährlich ist, was sie da treiben, deshalb sind sie auch immer an dieser Theke, bewegen sich aufeinander zu und wieder auseinander. Die Wirtin sieht das alles, kapiert genau, was da abgeht. Sie realisiert das Spiel, das die beiden miteinander treiben, vielleicht sogar genauer als die selber. Chauvin ist ein eher dunkler Typ, ein sehr viriler, schöner Mann. Beide haben für mich etwas sehr Ästhetisches, Feines. Möglicherweise ist sie sogar ein bisschen größer als er, macht aber nichts.
>link: Filmportal



– Ich bin immer Teil der Geschichte, ich sitze
da immer irgendwo.
– Es gibt keinen Flügel, nur ein Pianino, das ist schon irgendwie
schandhaft.
– Diese Tür ist ein Problem, denn die beiden können ja das
Kind sehen, das draußen umherhüpft.

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Manfred Schu Arbeitsgespräch
Ich bin immer Teil der Geschichte, ich sitze da immer irgendwo. Die Vorstellung, die ich von dem Café habe, gefällt mir nicht. Es ist kein Café, eher eine Art Wirtshausbude, kein Wirtshaus, eher eine Mischung aus Wirtshaus und Bude. Das Wesentliche, das ganz stark ist bei mir, das Hauptteil in diesem Raum ist die Bar, die Front der Bar, hinter der die Wirtin strickt. Dann gibt es den Tisch, an dem Anne und Chauvin sitzen. Die Tür ist rechts davon, da fällt das Licht herein.
Es ist alles nur sehr vage. Da könnte z.B. ein Fenster sein, da könnte ein Tisch sein, aber dann verschwimmen die auch sofort wieder. Es gibt keine Kanten in diesem Raum, vielleicht dass hier eine Kante erscheinen könnte. Das Ganze ist unheimlich leer, es gibt ein kleines Regal, sonst gibt es nichts. Alles ist sehr provisorisch. Es gibt einen Vorhang. Vom Tisch habe ich keine Vorstellung, nur dass er nicht an der Wand steht und dass kein Sessel dazwischen Platz hat.
Die Stühle sind ursimpel. Es gibt auch andere, aber nur einen mit weißem
Resopal und Gummi, nicht Gummi, sondern Schnüre. Die anderen Stühle
und Tische, eckige Tische, sind aus beschichtetem Holz, aus Holzimmitation.
Auch die Bar ist beschichtet mit einem Touch von Marmor, das hat so eine eigene
Witzigkeit ... – alles ist rosa, leicht bräunlich.
Es sind nicht wirklich Fenster da, eher Luken, winzige Fenster, durch die
zwar Licht hereinfällt, durch die man aber nicht hinausschauen kann.
Sie gehen in einen Lichthof hinaus, in einen schrecklichen Lichthof. Und da
gibt es noch etwas, genau, aber was ist das?
Es ist eine Geschichte mit der Tür. Diese Tür ist ein Problem, denn die beiden können ja das Kind sehen, das draußen umherhüpft. Hier ist graues Zeug und da ist es noch am hellsten. Die ganze Bar lebt vom Licht, das durch Tür kommt. Hier muss noch etwas anderes sein, vielleicht ein kleines Fenster. Direktes Sonnenlicht dringt aber nicht in den Raum. Es gibt nur von anderen Gebäuden reflektiertes Licht, keine Sonnenstrahlen, die sich hier irgendwo niederschlagen könnten.
Da kommen sie herein, Anne und der Mann, die ganze Aktionsfläche ist hier, neben der Tür, im vorderen Bereich des Cafés. Sie gehen direkt zu ihren Plätzen. Der Mann sieht auf die alte Dame, die Wirtin, die Strickerin. Die Hafenarbeiter schmuggeln sich zur Tür herein, aber sie sind kaum wahrzunehmen. Sie sind anwesend, aber sie nehmen kaum Raum in diesem Geschehen ein. Vielleicht sind es drei, doch sie kommen nie bis zu den beiden hin.
Ich habe kein spezielles Bild von der Toten, auch nicht von ihrem Mörder.
Wenn ich jetzt von oben hinschaue, sind die Räume komischerweise verschieden:
Der Raum des Attentats, der Todesteil, wo sie liegt und er sie auf den blutenden
Mund küsst, ist anders als der, wo Anne und der Mann sich immer treffen.
Bei dieser Mordszene ist ganz stark der Plafond im Bild: Plafond und Boden
mit der Leiche und viel Leute rundum, da sieht man nichts mehr vom Rest des
Cafes.
Für das Musikzimmer brauche ich ein Lineal. Versuchen wir, den Raum in
ein Verhältnis zu bringen. Lang ist er, und er hat abgerundete Ecken.
Es gibt keinen Flügel, nur ein Pianino, das ist schon irgendwie schandhaft.
Der Knabe sitzt ein bisschen alleine, der arme, die Mama hält sich zurück,
die Lehrerin mischt sich umso mehr ein. Die streift da vorbei, an seiner Schulter.
Hier an der Ecke muss irgendetwas abgeschnitten sein. Es wird da schon irgendwas
sein. Kann sein, dass da ein kleines Tischlein steht. Es ist da etwas, und
es gibt auch einen Vorhang.
Was das Alter betrifft, würde ich Anne auf vierunddreißig, fünfunddreißig
schätzen. Der Sohn ist sieben, hat dunkelbraunes Haar und dunkelbraune
Augen, ein etwas liebliches, weiches, knabenhaftes Kind. Ich stelle ihn mir
mit einem Seitenscheitel vor, mit einer leichten Welle vorne und einem leichten
Anzug; einem dunklen, leichten Anzug und weißem Hemd.
Der Mann ist mir ganz fremd. Der ist fast wie ein Geist – mir ist jetzt
aufgefallen, dass er einen Namen hatte –, aber er kommt mir überhaupt
nicht wie eine Person vor. Er ist nicht sehr markant, nicht so, dass man ihn
sich wirklich vorstellen könnte. Alles an ihm ist grau oder beige, o
ja, beige könnte ich ihn mir vorstellen, in einem beigem Mantel, einem
dünnen beigen Ballonmantel.
Es gibt nicht wirklich eine Beziehung zwischen den beiden. Es ist so ein
Dazwischen. Der Mann ist jemand, dem man sich anvertraut, aber nicht sehr
tief. Man kann sich vorstellen, dass man sich durch ihn töten lassen
könnte. Es hat ein bisschen was von einem sachlichen Tod, kein Killerinstinkt,
kein Liebender, der leidend seine Geliebte umbringt, gar nichts. Es hat etwas
unheimlich Korrektes, Unprätentiöses, es ist fast wie ein Unfall.![]()



– Das Licht im Café kenne ich aus englischen
Pubs. Draußen ist Sonnenlicht, drinnen ist alles dunkel.
– Zuerst gibt es noch den offenen, schweifenden Blick, dann wird es
hermetisch.
– Es gibt einen Teppich. Ich sehe ihn nicht, aber ich höre ihn.

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Andrea Sodomka Arbeitsgespräch
Das Klavierzimmer ist zuerst gar nicht vorhanden, sondern besteht nur aus einem Fenster. Alles ist nach außen gewandt. Draußen sind Stimmen, ein Zeitfluss, Leben, da passiert etwas. Es ist wie ein Hörspiel. Die Personen, die drinnen sind, schauen sich praktisch selber zu. Eigentlich sind sie draußen, sie erleben das, was draußen ist. Es ist sehr filmisch: Du hast eine Handlung, die du nicht sehen kannst und die dadurch unwahrscheinlich fokussiert wird.
In dieser Zeitverknüpfung ändern sich die Räume ständig. Das Klavierzimmer besteht zuerst nur aus einem Fenster, das Café nur aus einer Tür, sonst ist es schwarz. Wenn Anne hinuntergeht und sieht, was passiert ist, gibt es noch kein Innen. Sie sieht die Menschenmenge, hört die Schreie und weiß sofort, was passiert ist. Sie selbst ist die Person, die da liegt. Erst von dem Moment an, wenn der Mörder herauskommt, weil er von der Polizei abgeführt wird, entsteht ein Innen.
Zuerst ist da die Leiche. Es sind keine Möbel im Raum, aber jetzt gibt es bereits eine Tür und ein Fenster. Das Licht von der Tür fällt auf die Leiche. Und dann ist da diese Theke, hier die Tür und das Fenster. Vielleicht sind es auch zwei Fenster, das weiß ich nicht genau. Anne und Chauvin sitzen anfangs im vorderen Bereich. Im weiteren Verlauf der Handlung gelangen sie immer weiter in den hinteren Teil des Raumes.
Der Blick nach draußen ist am Anfang noch gegeben. Manchmal taucht dort das Kind auf, Anne sieht, wie es draußen spielt. Wenn sie später mit Chauvin hinten sitzt, sieht er die Arbeiter nicht, die ihn ja kennen. Er sieht überhaupt nichts mehr, alles wird immer hermetischer. Zuerst gibt es noch den offenen, schweifenden Blick, dann wird es hermetisch.
Das Licht im Café kenne ich aus englischen Pubs. Draußen hast
du Sonnenlicht, drinnen ist alles dunkel. Es kommt nicht wirklich Licht durch
die Fenster, aber du siehst, dass es draußen hell ist und dann gibt
es noch diese kleinen Lampen, Lichtinseln, die immer eingeschaltet sind. Zuerst
gibt es Tageslicht, aber bereits mit einer Ahnung von Dämmerung. Gegen
Ende der Erzählung wird es dunkler, denn Anne geht ja auch immer später
hin.
Im Musikzimmer gibt es dieses Klavier, im Hintergrund sitzt die Mutter. Im
Laufe der Szenerien ändert sich der Grundriss. Dieses Zimmer hat einen
Dielenboden und es ist sehr hell. Man schaut ins Fenster, es ist ganz heller
Sonnenschein und deshalb sieht man nichts. Und da sind Grünpflanzen –
es gibt so ein klimatisches Gefühl dafür. Es ist kühl. Und
es ist leise. Also gibt es einen Teppich. Ich sehe ihn nicht, aber ich höre
ihn. Ich sehe ihn nicht, weil ich eigentlich nicht auf den Boden schaue.
Anne kommt ins Café und sieht, was passiert ist. Sie hat diese Szene doppelt erlebt, war gleichzeitig im Klavierzimmer und im Café. Ich glaube, diese erste Szene ist ganz wichtig, weil ein Zeitfaden zurückkommt, der noch gar nicht begonnen hat. Es ist genau diese horizontale Zeit, diese Zeitfläche, die weder Beginn noch Ende hat. Irgendwo schneidet diese Realität die ganz realistisch beschriebene Szene mit dem Klavierspielen, aber nicht an einem dezidierten Anfangs- oder Endpunkt. Da ist dieser Schnitt, und solche Schnitte tauchen immer wieder auf.
Ich habe den Mörder zuerst in Kombination mit der Leiche gesehen. Aber es stimmt natürlich nicht mehr zusammen in diesem zeithorizontalen Gebilde, in dem beide Personen, die Leiche und Anne, ein und dieselbe Person sind und zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten verweilen. Vielleicht ist das gar nicht so gemeint, aber für mich ist das in dieser Erzählung, in dieser Struktur das einzig Logische.
Ich habe kein Bild von der Frau, und zwar aus dem Grund, weil sie für
ein kleinstadttypisches Frauenschicksal steht. Es gibt ja sehr viele, die
dieses Kleinstadtleben geführt haben oder noch führen, und die eben
in einem Schicksal drinnen sind, das ihnen bestimmte Verhaltensregeln auferlegt,
die sie nicht brechen dürfen. In dem Moment, wo sie ausbrechen und sich
anders verhalten, werden sie aus dem System hinausgeworfen.
Es sind sehr schöne Frauen, die eine Form von Schönheit haben, die
man gut für ein Leben mit einem reichen Fabrikanten einsetzen kann. Es
ist natürlich klar, dass es hier um eine bestimmte Zeit geht, um ein
‚Kleinstadt in den 50er Jahren-Phänomen’; aber dieses Kleinstadtphänomen
hat sich nicht wesentlich geändert, und wenn, dann nur in äußeren
Zeichen, aber nicht wirklich vom Inhalt her.![]()
>link: mur.at




Gerold Tagwerker Arbeitsgespräch
Eine Hafensituation – Molen, die vom Boulevard ins Meer hinausführen – längere und kürzere. Die gibt es allerdings nicht als konkretes Bild in meinem Kopf. Es gibt nur die Idee, dass sie da sein müssen, weil Städte eben so funktionieren. Auch den Weg der Anne von ihrer Villa zum Café habe ich nicht konkret vor mir. Hier ist das Haus, in dem die Klavierlehrerin wohnt. In einem höher gelegenen Stockwerk befindet sich das Musikzimmer, im Nebenhaus liegt ebenerdig das Café. Dieses Nebenhaus ist größer und hat im unteren Bereich Geschäftslokale. Davor ist ein Gehsteig, eine Straße, auf der Autos fahren, dann kommt das Wasser, das Meer.
Die alte Erinnerung (vom ersten Lesen vor ein paar Jahren; Anm.) ist sehr
italienisch. Da ist es kein Kaffeehaus, eher eine Weinstube oder eine Bar,
die im unteren Teil bis auf ca. 1,20 m blau-grün gestrichen ist, ein
Ölanstrich. Der obere Teil ist weiß gestrichen und es gibt einen
Holzfußboden. Beim ersten Lesen war es schon etwas eher Schäbiges,
Schmieriges, also kein Kaffeehaus mit Ambiente, eher ein Platz, der frequentiert
wird von Leuten, die von der Arbeit kommen oder zur Arbeit gehen und schnell
einen Kaffee oder ein Glas Wein nehmen.
Dann, beim zweiten Lesen, sah ich das anders. Das hat vielleicht damit zu
tun, dass man sich Jahre später auch anders bewegt. Da habe ich das als
sehr Wienerisch empfunden, nicht als Wiener Kaffeehaus, sondern als Wiener
Stehweinstube, Branntweiner oder Espresso, als miesen, schmuddeligen Ort.
Das erste Lokal war von der Raumaufteilung und von der Nüchternheit gleich, nur habe ich den Ölanstrich durch eine Holztäfelung ersetzt. Dadurch wird das Licht ein wenig anders, der Raum erscheint eher dunkel, irgendwie düster. Die Wände sind nicht mehr wirklich weiß, sondern verraucht gelblich.
Das Café ist nicht groß. Es hat zwei quer verlaufende längliche
Fenster, dazwischen ist die Eingangstür. Wenn man hereinkommt, läuft
man direkt auf die Schank zu, die relativ nahe bei der Tür steht. Die
Schank hat zwei eingelassene Waschbecken und einen Zapfhahn – dieses
Möbel sehe ich ganz konkret. Es ist ein rechteckiges Möbel; im oberen
Bereich besteht es aus Aluminium, aus Nirosta, einem hoch polierten Metall,
das aber mittlerweile matt ist. Darauf stehen Flaschen und Gläser. Der
untere Teil besteht aus nachgedunkeltem Holz, ein bisschen schmuddelig. Dahinter
ist die Wand mit einer Tür zu den Klos und dem Eingang in das Extrazimmer.
Drei Kugellampen hängen von der Decke herab. Du hast nirgendwo direktes
Licht auf den Tischen und es gibt keinerlei Schmuck. Der einzige Schmuck ist
ein Spiegel über der Schank, der ein wenig nach vorne gekippt ist und
die gleiche Breite hat wie die Schank. Es gibt keine Bilder, keine Vorhänge,
keine Blumen, oder sonst etwas. Es gibt auch keine Regale hinter der Schank.
Die ganze Arbeit wird auf der Schankfläche gemacht.
Beim ersten Mal ist das Lokal leer. Chauvin sitzt auf einem Stuhl im vorderen
Bereich und hat Sichtkontakt zur Wirtin, die hinter der Bar steht. Sie ist
eher eine mollige, ungepflegte Person. Anne kommt herein, geht an die Schank,
redet mit der Wirtin, bekommt ein Glas, trinkt es im Stehen und dann entwickelt
sich der Dialog mit Chauvin. Der steht, glaube ich, nicht auf, sondern spricht
sie vom Sitzplatz aus an. Die Entfernung ist gering, ungefähr zwei Meter.
Sie setzt sich nicht direkt neben ihn, sondern hält einen gewissen Abstand,
sodass sie durch die Tür hinausschauen, das Kind beobachten kann, das
irgendwo draußen ist. Später sehe ich die beiden im Extrazimmer
sitzen, das auch diese Holztäfelung hat. Dieser Raum ist klein, dreimal
vier Meter, da haben nur zwei Tische Platz.
Anne ist nicht wirklich schön. Sie ist schlank, zierlich, hat dunkle, halblange Haare, die meistens zusammengesteckt sind. Sie steht für eine gewisse Gesellschaftsschicht, ein Klischee von verheirateter junger Frau, apart, adrett, gut gekleidet, mit Stil, ohne dabei besonders interessant zu sein. Sie ist eine unterforderte Frau, die nicht wirklich weiß, was sie machen könnte. Sie wurde wahrscheinlich ihr Leben lang in verschiedene Rollen gedrängt, vom Töchterchen aus besserem Haus zur Ehefrau eines Bürgerlichen oder eines Industriellen, dann in die Rolle der Mutter.
Ich glaube, dass das Musikzimmer eher leer ist. Es hat einen kargen, etwas
verstaubten Charakter. Es gibt einen Holzfußboden, der zwar sauber,
aber abgetreten ist. Anne sitzt auf einem Stuhl und schaut zum Fenster hinaus.
Die Mademoiselle Klavierlehrerin ist ständig in Bewegung. Vor dem Fenster
hat sie einen Tisch, an den sie sich manchmal setzt – einen Schreibtisch
aus Holz, einen Vierbeiner mit zwei Schubladen, aber meistens bewegt sie sich
und macht damit das Kind nervös. Anne hat auch dabei eine eher passive
Rolle. Ohne viel zu tun, allein durch ihre Anwesenheit beeinflusst sie die
Beziehung zwischen dem Kind und der Mademoiselle. Sie schaut oft aus dem Fenster.
Auch der Kleine schaut hinaus, weil ihm das Ganze auf die Nerven geht. Er
ist nicht gerne in dieser Situation, deshalb versucht er sich abzulenken oder
zu beruhigen. Er sieht die Schiffe vorbeifahren und die Wolken vorbeiziehen.
Die Schiffe sehe ich nicht konkret, aber ich habe das Bild des Fensterrahmens
mit einem Drittel Wasser und zwei Drittel Himmel und Wolken.![]()
>link: gerold tagwerker



– Die Frau sitzt mit dem Rücken zum Eingang,
er sitzt ihr gegenüber und beobachtet, was passiert.
– Wenn Anne kommt, hat sie meist Gegenwind und sie hat Sonne im Gesicht,
ganz viel Sonne.
– Die beiden Häuser bilden eine Art Tor, durch das Anne und ihr
Sohn den Schauplatz des Geschehens betreten.

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Anna Wickenhauser Arbeitsgespräch
Es gibt eigentlich nur zwei Häuser, das Klavierzimmerhaus und das Haus
mit dem Café, rundherum gibt es nichts. Die beiden Häuser stehen
einander gegenüber, das Haus mit dem Café auf der Stadtseite,
das Klavierzimmerhaus steht als einziges Gebäude direkt am Meer. Die
beiden Häuser bilden eine Art Tor, durch das Anne und ihr Sohn immer
wieder gehen und damit quasi den Schauplatz des Geschehens betreten.
Das Klavierzimmerhaus hat einen fünfeckigen Grundriss. Ein solches Haus
habe ich noch nie gesehen, aber es schaut nun einmal so aus. Durch das Treppenhaus
geht man einige Stockwerke hinauf in den vierten Stock. Es ist ein bisschen
wie in einem Turm. Das Klavierzimmer hat eine räumliche Qualität,
nämlich die Aussicht auf das Meer, das Meeresrauschen. Im Buch heißt
es ja immer wieder, dass die Musik vom Rauschen des Meers unterstützt
oder unterbrochen wird. Das Meer ist in diesem Raum sehr präsent, auch
die Brise, der Wind und die Sonne. Um das Haus herum verläuft ein Steg,
davor stehen ein paar Tische, an denen Leute sitzen.
Im Zimmer, zur Wand hin gerichtet, sitzt der Knabe am Klavier, die Klavierlehrerin
sitzt daneben. Die Mutter des Knaben steht am Fenster. Als der Mord passiert,
laufen alle zum Fenster. Und hier, genau gegenüber, ist es passiert:
Da ist das Café – ich zeichne es auf, wie ich es in Erinnerung
habe und mache anschließend Ergänzungen –, und hier ist die
Bar, hinter der die Dame mit dem Strickzeug sitzt. Der Mord passierte neben
der Bar. In dieser Nische lag die tote Frau, daneben stand der Mann. Aber
ich habe nicht das Gefühl, dass der Mord so wichtig ist für dieses
Café. Die Leute tun so, als hätte es ihn nicht gegeben. Zwar wird
darüber geredet, aber vor Ort ist er nicht mehr so präsent.
Der Weg, den Anne vom Café oder vom Klavierunterricht nach Hause geht, der Boulevard de la mer, ist extrem lang. Ihr Haus ist ein sehr schönes Haus mit einem Zaun rundherum. Das Meer ist hier schon ein bisschen weiter weg. Ich habe ein sehr hellblaues, ein rosarot-weißes Bild von diesem Ort. Das Haus ist weiß, ein sehr modernes Haus, fast so wie so eine Kiste.
Wo Chauvin herkommt oder hingeht, weiß ich nicht. Er taucht immer wieder irgendwo aus der Stadt auf, eher aus der Werftenstadt-Ecke. Dieser Werftenbereich ist sehr braun und orange. Wenn die Frau, Anne, kommt, hat sie meist Gegenwind und geht gegen die Sonne. Das ist vom Bild her sehr wichtig, dass sie Sonne im Gesicht hat; ganz viel Sonne, obwohl da nur dunkle Häuser sind und alles einen trostlosen, wenig einladenden Eindruck macht.
Die Arbeiter kommen komischerweise immer von da vorne, obwohl es da ja eigentlich nur Meer gibt. Sie reden zwar immer von der Stadt, aber die gibt’s irgendwie nicht. Es gibt auch noch andere Bilder, wo es dann heißt, dass die Stadt im Hinterland von diesem Café ist, eine relativ kleine Stadt, glaube ich, und dort gibt es diese Fabriken, die nichts mit dem Werftenbereich zu tun haben – Fabriksgebäude, von denen Rauch aufsteigt. Also, wenn man das im Schnitt anschaut, gibt es das hügelige Hinterland, dann die Stadt, aus dem dieses Haus mit dem Café wie ein weißer Block herauswächst, dann das Meer, das Wasser.
Das Café hat mindestens zwei, wahrscheinlich vier Fenster und eine Doppelflügeltür direkt gegenüber der Bar. Hier treffen einander Anne und Chauvin, um Wein zu trinken. Es gibt genug Tische, die, wenn die Arbeiter kommen, rammelvoll sind. Sonst ist es offen und leer. Die beiden sitzen Zugleich abgeschieden und auch wieder nicht, später setzen sie sich in den anliegenden Raum, wo mehr Diskretion herrscht, weil sie die Abgeschiedenheit ihrer Zweisamkeit suchen. Anne sitzt immer mit dem Rücken zum Eingang, Chauvin sitzt ihr gegenüber und beobachtet, was passiert, wie die Männer hereinkommen, wie sie natürlich geradewegs an die Bar gehen und sich später im Café verteilen.
Es ist ein relativ großes Café mit derbem Holzboden, dunkelbraunen
Stühlen und runden Tischen, an denen maximal vier Leute sitzen können.
Das Licht über der Bar blendet. Räumlich ist es nicht besonders
spannend, nicht gemütlich, nicht heimelig. Wenn man reinkommt, sieht
man sofort alles. Freundlich ist es, wenn abends die Sonne hereinstrahlt.
Es muss noch ein weiteres Fenster da sein, weil Duras auch drüber schreibt,
dass Anne im roten Sonnenuntergang sitzt, während sie von der Wirtin
und Chauvin beobachtet wird. Die Wirtin sitzt in ihrer Bar, beobachtet alles
und bewegt sich kaum mit ihrem roten Strickzeug. Sie schaut die beiden an
und weiß immer, wann sie Wein brauchen und wann nicht. Der Ort ist trostlos,
aber trotzdem okay. Alles an diesem Café – es ist mehr so eine,
na ja, Spelunke, ein Beisl – ist einfach. Es ist ein ganz normaler Ort.
Alles ist alltäglich, es gibt nichts Überkandideltes. Vielleicht
ist es für Anne der Ort, wo sie ganz normal sein kann.![]()

